PSYCHOONKOLIGSCHE
BETREUUNG UROLOGISCHER PATIENTEN – speziell in der Nachsorge (REHAB-Bereich)
Dr. Erwin
Walter
ärztlicher Leiter Kurhaus St. Josef
Ref.f. psychosoziale Medizin der SÄK
Sektionsleitung Salzburg d. ARGE PSY
In den letzten
Jahrzehnten hat sich in der Medizin ein Paradigmenwechsel vollzogen,
insbesonders in der Onkologie.
Neben der
Lebensverlängerung, bzw. der Verbesserung der klinischen Symptomatik gewinnt die
Art und Weise, wie Kranke den Gesundheitszustand erleben zunehmend an Bedeutung.
In diesem Zusammenhang wird der Begriff LEBENSQUALITÄT zum wesentlichen Faktor
in der psychoonkolgischen Nachbetreuung.
Zu den wichtigen
Faktoren, die die Lebensqualität bestimmen, gehören unabhängig von individuellen
und kulturellen Unterschieden:
1. sich körperlich
wohl zu fühlen
2. psychisch stabil
zu sein
3. sozial integriert
zu sein
4. eigenständig dem
alltäglichen Leben nachzugehen – und dies in
einem möglichst sicheren
Rahmen
Nach neuesten
Ergebnissen hat Spiritualität einen mindestens ebenso großen Einfluss auf die
Lebensqualität wie die vorher genannten vier Punkte.
Um die
Lebensqualität zu objektivieren hat man sich funktionaler Indices – wie z.B. den
Karnowsky-Index – oder auch multidimensionalen Indices, wie
z.B. SIP (sickness
impact profile) oder EORTC-QLQ-C 30 über Fragebogen bedient, um die Bereiche:
körperliche Leistungsfähigkeit, emotionales Wohlbefinden, Zufriedenheit in der
Familie, mit der Behandlung, sowie im sozialen Umfeld und im Beruf – im Sinne
einer Gesamtbeurteilung der Lebensqualität zu evaluieren.
Wenn man bedenkt,
das Tumor-Patienten im Allgemeinen von der Diagnosestellung weg in etwa gleiches
Szenario der Angst (Todesangst), der Erschütterung der eigenen Lebenssituation
erleben, ist es auch klar und
vielfach untersucht und bewiesen, dass Krebspatienten ein Verarbeitungsmuster an
den Tag legen, das bei jedem Patienten so ziemlich gleich abläuft:
1. Depression
(Erstarrung, Unbeweglichkeit)
2. die
Auseinandersetzung mit dem persönlichen Schicksal – mit der Frage:
„Warum gerade ich?“
3. Verleugnungs-,
Verdrängungs-, Verschiebungsstrategien
All diese Reaktionen
haben durchaus ihren Sinn und dauern verschieden lang an – je nach psychischer
Ausgangssituation und Stabilität des Patienten.
Gerade in dieser
Lebenssituation ist es eminent wichtig, dass eine gute Vertrauensbasis zwischen
dem Behandler (Facharzt, Klinik, Hausarzt) aufgebaut werden kann, damit der
Patient die Möglichkeit bekommt, sich offen mit seiner Krankheit und mit allen
Konsequenzen der Behandlung, der Nebenwirkungen, der körperlichen Veränderungen
und Einschränkungen, sowie der körperlichen Belastungen, mit den Auswirkungen
auf den Allgemeinzustand und der Psyche, den Schmerzen und deren Bewältigung –
und letztlich mit dem Sterben – auseinanderzusetzen.
Dabei hat sich
gezeigt, dass auch Angehörige – im Sinne einer Begleitung – eine wesentliche
Rolle spielen. Die körperliche, soziale und auch emotionale Belastung ist in
diesem Lebensabschnitt enorm groß. In dieser Phase entscheidet es sich auch, ob
der Patient zunehmend in die Regression geht (negative coping-Strategien), oder
ob er die Möglichkeit einer offenen Auseinandersetzung und die Hilfestellung und
Unterstützung durch die Behandler, sowie zusätzlich durch psychosoziale
Beratungsstellen, durch psychologischer (besser noch psychotherapeutischer)
Begleitung und Betreuung annimmt.
Man hat
festgestellt, dass jene Patienten, die sich öffnen können, Hilfsangebote
annehmen können, sich für Informationen interessieren und auch bereit sind,
aktiv die Krankheitsbewältigung anzugehen (positive coping-Strategien), ein
schnelleres Wiedererlangen der Lebensqualität und auch bessere Chancen in
Richtung Überlebensmöglichkeiten (psycho-neuro-immunologische Aspekte) erwerben.
Die Phasen der Unsicherheit, Zukunftsängste, Perioden der Angst vor Einsamkeit,
vor Verlust des sozialen Umfeldes und des Berufes, natürlich auch Angst vor
Isolation, vor Schmerzen; eventueller Entstellung – und letztlich Angst vor dem
Sterben – tauchen gemeinsam mit depressiven Phasen immer wieder auf.
In diesen Zeiten
sollte der Patient vom Behandler unterstützt werden – auch medikamentös
(Antidepressiva).
Wie schon
erwähnt: einen wesentlichen
Einfluss haben die Angehörigen – aber auch umgekehrt die Sorge des Patienten um
die Angehörigen. Es wird immer wieder beobachtet, dass Patienten ihre
Angehörigen vor schlechten Nachrichten – im Zusammenhang mit ihrem momentanen
Krankheitszustand und mit einem negativen Verlauf-, vor Sorgen bewahren und
schützen wollen. Andererseits wollen aber auch die Angehörigen den Patienten vor
der „grausamen Wahrheit“ schützen. Was für ein schreckliches Missverständnis!
Beide Seiten kennen meist die Diagnose und die Prognose und können nicht offen
miteinander kommunizieren!
Es ist also aus all
diesen oben genannten Gründen notwendig und wichtig, dass auch die Behandler in
allen Ebenen in der Betreuungszeit des Patienten – im Sinne der Gesundung des
Patienten – miteinander vernetzt arbeiten.
Die spezielle
Problematik des uro-onokologischen Patienten ist bedingt durch die Veränderung
der funktionellen Verhältnisse des urologischen Bereiches.
Meist werden ja doch
bei z.B. der radikalen
Prostatektomie oder bei einem
massiven Eingriff an
der Blase, bzw. im Bereich der becken-Lymphknoten mit eventuell nachfolgender
plastischer Operation (Neoblasen, bzw. pouch) funktionelle Folgeerscheinungen
wie Harninkontinenz, oder Impotenz von der operierten Patienten dramatisch
erlebt. Auch wenn Patienten der Inkontinenz-Problematik primär mit Einlagen
entgegen arbeiten können, erleben sie die Situation dennoch als beschämend.
Der Organ-Verlust ist im Sinne
eines posttraumatischen-Syndroms ganz und gar leicht zu verarbeiten (PTS). Sehr
belastend wirkt sich jedoch die Impotenz-Problematik im Sinne eines
Männlichkeitsverlustes aus (bedingt durch das traumatisch-operative Vorgehen im
Bereich der vegetativen Fasern im kleinen Becken), obwohl es möglich ist
Hilfestellung über die pharmakologische Ebene (Viagra bzw. auto-Injektion) zu
bekommen. Trotzdem ist es absolut erforderlich, in der engen Zusammenarbeit
zwischen Arzt und Patient, bzw. in der Sexualsprechstunde (auch über speziell
Sexualberatungsstellen) den Patienten weiterhin diesbezüglich zu betreuen. Sonst
könnte sich das Problem langfristig mental fixieren und weit reichende
Auswirkungen auf der sexuellen Ebene im partnerschaftlichen Bereich haben.
Im Allgemeinen
ergibt sich also grundsätzlich für die psycho-onkologische Betreuung
urologischer Patienten folgende Zielorientierung:
1. Begleitung in der
Behandlungsphase, damit es zu keinen
Therapie-Abbrüchen
kommt
2. Betreuung der
Patienten durch die depressiven Phasen
3. Information
(Unterstützung der Entwicklung positiver coping-Strategien)
4.
Angstabbau
5. Ressourcenarbeit
– Neuorientierung
6.
Entspannungstechniken (z.B. Autogenes Training, Muskelentspannungs-
Techniken nach
Jakobson)
7. Begleitung des
Biofeedback-Trainings (Training der
Becken-Boden- Muskulatur)
8. Paar-Gespräche
bzw. Familientherapeutische Settings zur Stützung der
partnerschaftlichen
Ebene
9. Unterstützung der
Spiritualität und der Sinnfindung in der Lebenskrise
(z.B. Logotherapie nach
Viktor Frankl)
10.Schmertherapie
über Entspannungstechniken, Palliativ-Therapie
11.Psychotherapeutische Begleitung in der Präterminal-Phase
Sämtliche im Katalog
angeführten psycho-onkologischen Betreuungsrichtlinien dienen zur Verbesserung
und Hebung der Lebensqualität des Kranken.
Vergessen wir jedoch
dabei nicht, dass die Angehörigen mit oft enormer Belastung behaftet sind, da
sie in den pflegerischen Ablauf eingebunden sind – und auch oft die massiven
sozialen Veränderungen (z.B. langer Krankenstand, finanzielle Verluste und
Belastungen Arbeitsplatzverlust) mittragen müssen.
Daraus resultiert
nicht selten, dass Partner oder Angehörige eher hilfslos der
Krankheitsproblematik und der Bewältigung gegenüberstehen.
Oft überlasten sich
die Angehörigen und leiden selbst an einem burn-out-Syndrom, bzw. an einer
Überlastungsdepression.
Das Spektrum
psycho-onkologischer Betreuung und Nachsorge urologischer Tumor-Patienten ist
weit gesteckt und sollte am besten von psychotherapeutisch-geschulten Ärzten mit
urologischem Basis-, bzw. Fachwissen durchgeführt werden, um dem Patienten und
dessen Angehörigen ein Maximum an effizienter Behandlung zukommen zu
lassen.
Die uro-onkologische
Nachsorge befindet sich in Österreich normalerweise in Händen der
Nachsorge-Ambulanzen der Spitäler, sowie der niedergelassenen Urologen.
Zusätzlich kann eine psychoonkologische Betreuung über niedergelassene Kollegen
stattfinden. Diesbezüglich kommen verhaltenstherapeutische Verfahren, das Psychodrama, die
Gestalttherapie, körperorientierte Verfahren (z.B. Musiktherapie oder
Maltherapie), sowie imaginative Verfahren (z.B. Visualisierungstherapie nach
Simonton) zum Tragen. Eine besondere Position nimmt die Paar- und
Familientherapie ein (lange Kurzzeittherapie).
Ein nicht
unwesentlicher Faktor ist der Kontakt mit Selbsthilfe-Gruppen: dort wird es für
den Patienten möglich, Informationen zu bekommen,; über das gruppendynamische
Erleben lernt der Patient, sich mit allen Fragen der Krankheitsbewältigung
auseinander zu setzen, um auch in dieser Ebene eine Unterstützung hinsichtlich
der Überwindung der Alexithymie (innere emotionale Sprachlosigkeit) zu bekommen
und zunehmend Selbstsicherheit und Autonomie zu finden. Selbstverständlich hat
die psycho-onkologische und psychotherapeutische Begleitung auch den Sinn,
tiefenpsychologische Aspekte zu fokussieren, diese auch im Behandlungsverlauf
mit zum Tragen
kommen zu lassen.
Die eigentliche Psychoanalyse ist aber in der psycho-onkologischen Behandlung
nicht zielführend. Es ist sicherlich notwendig, dass die Wirksamkeit der
psycho-onkologischen Interventionen zukünftig intensiver evaluiert werden möge –
dies sowohl im Sinne der Patienten, als auch im Hinblick darauf, dass den
Kostenträgern gegenüber ein
komplexes Behandlungsregime präsentiert wird (dieses kann auch langfristig
kostengünstiger sein: Einsparung von Medikamentenkosten, Vermeidung von
„doctor-hopping“, Mehrfachbefundung
etc.) und so letztendlich auf ein vernetztes kollegiales Behandeln „state
of the art“ zu kommen.
Ur-onkologische
Rehabilitation:
Ziel der
Rehabilitation ist es, den Patienten die Möglichkeit zu schaffen, eine
Chronifizierung der Beschwerden zu
verhindern (Inkontinenz, Importenz). Weiters ist es ein wesentliches Ziel, den
Patienten eine Integration in den täglichen Alltagsablauf und damit eine normale
Lebensfähigkeit möglichst rasch wieder zu geben. Dazu gehört auch die
Wiedererlangung der möglichst vollen Arbeitsfähigkeit; der Patient sollte – wenn
möglich – auch wieder psychische Ausgeglichenheit erlangen und im
partnerschaftlich-sexuellen Bereich befriedigend leben können. Es geht also
letztlich um Wiederherstellung der Lebensqualität!
Der Betroffene soll
in dieser Lebensphase dahingehend unterstützt werden, mit diesem Lebensabschnitt
angemessen umgehen zu können und so gut wie möglich seine Aufgaben in Familie,
Beruf und Gesellschaft wahrzunehmen. Ein bedeutender Faktor, dieses Ziel zu
erreichen ist dabei, dass der Kranke es wieder lernt sein Leben selbst in die
Hand zu nehmen. Nach den allgemeinen medikamentös-therapeutischen Maßnahmen und
den üblichen Kontrollen durch den urologischen Facharzt hat sich sehr wohl ein
Aufbautraining – eventuell Bewegungstherapie, Hydrotherapie und
Ernährungstherapie – bewährt, ebenso wie allgemeines Gesundheitstraining mit
Gesprächen, Diskussionsrunden um Angst-, Schmerz- und Partnerproblemen. Ein
wesentlicher Anteil der Nachsorge im REHAB-Bereich stellt auch die psychische
Betreuung der Betroffenen und deren Angehörigen dar. Dabei ist darauf zu achten,
dass in einem REHAB- oder
Nachsorge-Programm
auch auf die individuelle Situation des Patienten eingegangen wird und dieser
nicht mit zu vielen Untersuchungen überlastet wird. Ferner ist es sinnvoll ein
Angebot zu erstellen, aus dem der Patient wählen kann. Der Patient sollte die
Möglichkeit haben, einen persönlichen sinnvollen Rhythmus zwischen Entspannung,
Erholung und Behandlung zu finden.
In Anlehnung an die
REHAB-Konzepte namhafter deutscher Nachsorge-Kliniken hat das Kurhaus St. Josef,
Dr. Martin Hell Straße 1, 5400 Bad
Dürrnberg, in Zusammenarbeit mit dem Facharzt für Urologie
Dr. Holzmayr, dem
ärztlichen Leiter Dr. Walter und den Mitarbeitern des Hauses im
Nachsorge-Konzept entwickelt, welches den individuellen Bedürfnissen derartiger
Patienten entgegenkommt. In dem seit fünfzig Jahren anerkannten Kneipp-Kurhaus
sind zusätzlich sämtliche balneologischen Maßnahmen möglich, die adjuvant
zielführend eingesetzt werden können.
In diesem Kurhaus,
das sich das Motto gesetzt hat „Erholung für Körper, Geist und Seele“, fehlt
selbstverständlich nicht die Möglichkeit einer psycho-onkologischen
Nachbetreuung. Weiters ist es möglich, über physiotherapeutische Maßnahmen
(Becken-Boden-Gymnastik), Elektrostimulation (TENS), sowie über
Biofeedback-Verfahren Unterstützung und Behandlung zu bekommen. Es wird auch
möglich, in diesem Kurhaus in schönster Lage, Nachsorge für den Patienten und
auch Erholung für Angehörige anzubieten. Damit kommt dieses Angebot dem Ziel der
Rehabilitation sehr nahe.
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